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Stehen wir vor dem Beginn eines globalen Handelskrieges?

Prof. Dr. Stefan May
,
Leiter Anlagestrategie und Produktentwicklung
6
Minuten

Eigentlich wollten wir mit unserem heutigen Logbuch ein Jubiläum feiern, nämlich den 25. Geburtstag der Exchange Traded Funds (ETFs). Doch wie schon öfter in letzter Zeit hat uns Donald Trump mit einer seiner Aktionen überrascht und einen Strich durch die ETF-Rechnung gemacht.

Das Wichtigste in Kürze

  • Donald Trump hat noch einmal die Zoll-Axt geschwungen und für erhöhten Kursdruck an den Aktienmärkten gesorgt.
  • Es könnte durchaus sein, dass die Trump-Administration die negativen Folgen eines länger andauernden Handelskrieges für die US-Wirtschaft in ihrer ganzen Tragweite unterschätzt.
  • Verhandlungslösungen sind also keineswegs vom Tisch.

Mit seiner Ankündigung am Abend des 2. April 2025, für nahezu alle Handelspartner der USA die Zölle noch einmal massiv anzuheben, hat Donald Trump sowohl die Wirtschaft als auch die internationalen Finanzmärkte aufgeschreckt.

Geplant sind komplexe neue Zollregeln, die alle Länder betreffen, die mit den USA in einer Handelsbeziehung stehen.

Neben einem Basiszoll von 10 % für alle sollen Länder, die den USA handelstechnisch angeblich besonders schaden, mit höheren Sätzen bestraft werden – so z. B. die EU-Mitgliedsländer mit einem Plus von 20 %, China mit 34 % und Japan mit 24 %. Auf die zugrundeliegenden, mehr als fragwürdigen Berechnungsgrundlagen möchten wir an dieser Stelle nicht eingehen.

Zudem erscheint zur Stunde noch nebulös, inwiefern diese neuen Zollsätze wirklich komplett auf bereits bestehende Zölle aufgeschlagen werden oder ob es noch Möglichkeiten zur Verrechnung mit den bereits bestehenden Zöllen gibt.

Wie auch immer, manche sehen den Auftritt Donald Trumps als den Beginn eines lang andauernden internationalen Handelskrieges mit all seinen negativen Konsequenzen sowohl für die Realwirtschaft als auch für die internationalen Finanzmärkte. Stand heute glauben wir das nicht, und zwar aus zwei Gründen.

Internationaler Handel – ein Nullsummenspiel?

Erstens scheint es tatsächlich so zu sein, dass sowohl Trump als auch seine Administration – entgegen der einhelligen Meinung in den Wirtschaftswissenschaften – den internationalen Handel für ein sogenanntes Nullsummenspiel halten. Ein solches Spiel ist dadurch gekennzeichnet, dass etwaige Gewinne des einen zwingend genau die Verluste des anderen sein müssen. In der Trump-Administration geht man daher offenbar davon aus, dass Regionen und Länder mit einem Leistungs- bzw. Handelsbilanzüberschuss gegenüber den USA – wie Europa, Japan und China – bisher die Gewinner waren, die USA dagegen mit ihrem Defizit der Verlierer. Diese Situation soll nun – im Rahmen der falschen Logik durchaus folgerichtig – umgedreht werden, indem man die Zölle so weit anhebt, dass dieses Defizit geringer wird, zugleich für den amerikanischen Staat Zolleinnahmen entstehen und langfristig Länder, wie z. B. Deutschland, statt Autos in die USA zu exportieren, diese in den USA produzieren.

Abgesehen davon, dass diese Rechnung aus den unterschiedlichsten Gründen nicht aufgehen kann, wird in dieser Logik ganz grundsätzlich nicht berücksichtigt, dass der internationale Handel eben kein Nullsummenspiel ist. Von ihm profitieren alle Beteiligten, auch Länder mit Leistungsbilanzdefiziten, wie die USA. Umgekehrt verlieren dann eben auch alle, wenn er zurückgedreht wird – und die USA an erster Stelle. Bedeutet doch das US-Leistungsbilanzdefizit nichts anderes, als dass die Handelspartner den USA Güter und Dienstleistungen überlassen und dafür als Gegenleistung US-Anleihen akzeptieren – in der Sprache des Außenhandels wird das dann Kapitalbilanzüberschuss genannt. Dahinter steht aber die nach wie vor große Attraktivität des US-Finanzmarktes und die Glaubwürdigkeit der USA als internationaler Schuldner.

Genau diese Attraktivität und Glaubwürdigkeit wird durch die extremen Aktionen Trumps gefährdet. Mit einem Wort: Donald Trump schadet mit seiner extremen Zollpolitik zwar auch seinen Handelspartnern, in erster Linie aber den USA selbst. Eine wiederauflebende Inflation bei gleichzeitiger Wachstumsschwäche der amerikanischen Wirtschaft und – vermutlich langfristig am gravierendsten – eine Erosion des Vertrauens in die US-Finanzmärkte und steigende Kapitalmarktrenditen werden die wahrscheinlichsten Folgen dieser Politik sein – so sie denn brachial fortgesetzt wird. Die geplanten Steuergeschenke Trumps werden diese negativen Folgen aus unserer Sicht nur unzureichend abmildern.

Im Gegensatz zur Trump-Administration haben die Finanzmärkte diese Zusammenhänge bereits begriffen und entsprechend reagiert.

Seit dem Amtsantritt Donald Trumps Anfang des Jahres hat seine feindselige Rhetorik zu einem spürbaren Kursrücksetzer der US-Aktienmärkte geführt, während die Kurse in den meisten anderen Ländern deutlich gestiegen sind.

Auch der jüngste Auftritt mit seinen wilden und medienwirksamen Zollankündigungen hat an den Märkten stärkeren Abgabedruck erzeugt.

Wir hoffen (und glauben das letztlich auch), dass irgendwann auch die Trump-Administration die skizzierten ökonomischen Zusammenhänge begreifen und akzeptieren wird.

Theaterdonner, um eigene Position zu stärken?

Daneben gibt es jedoch noch einen zweiten Grund, warum wir nicht von einem länger andauernden Handelskrieg ausgehen. Es könnte durchaus sein, dass die extremen Ankündigungen Donald Trumps letztlich den Zweck haben, die weltweiten Handelspartner der USA zu Verhandlungen über eine grundlegend neue internationale Verteilung der Zollbelastungen zu zwingen. Denn entgegen manchen Verlautbarungen hierzulande sind auch Europa und China – was ihre Zollpolitik anbelangt – keine Unschuldslämmer. Europa beispielsweise verhängte bis zuletzt auf Güter aus den USA sogar höhere Zölle als umgekehrt. Die martialischen Ankündigungen könnten also durchaus auch Theaterdonner sein, um die Position der USA in solchen Verhandlungen zu stärken.

Zugegebenermaßen ist diese Argumentation eine sehr positive Interpretation der bisherigen Ereignisse. Allerdings könnte sie – sollte sie sich als richtig herausstellen – die Verhältnisse sogar grundlegend zum Besseren wenden.

Vielleicht kommt es sogar so, wie es der deutsche Interims-Finanzminister Jörg Kukies in einer Rede kurz nach seinem letzten USA-Aufenthalt angedeutet hat: dass das Ergebnis der Verhandlungen mit den USA u. U. sogar eine Freihandelszone sein könnte, in der es überhaupt keine Zölle mehr gibt. Dies wäre allerdings eine erstaunliche Wendung der Geschichte – aber man soll seinen Optimismus ja nie aufgeben.

Sich von der aktuellen Negativstimmung nicht so stark einfangen zu lassen, gelingt vielleicht auch mit der Betrachtung der längerfristigen Aktienmarktentwicklung. Die Performance der letzten fünf Jahre relativiert die jüngste Kurskorrektur doch merklich.

Fazit

  • Donald Trumps nochmalige Zollerhöhung erhöht die Verunsicherung und den Abgabedruck an den Aktienmärkten.
  • Es ist mehr als fraglich, ob er seine extrem harte Linie durchziehen kann, ohne der US-Wirtschaft massiv zu schaden.
  • Ein langfristiger Handelskrieg ist also keine ausgemachte Sache.
  • Es gibt keinen Grund, den Aktienanteil der USA massiv abzusenken. Wenn nötig, dann regelt die Marktkapitalisierung – als gewissermaßen atmender Allokationsmechanismus – das ganz von alleine.
  • Trotz der derzeitigen globalen Irritationen bleibt ein wohldiversifiziertes Aktiendepot die beste aller Lösungen.

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Angesichts der unkalkulierbaren Politik und des persönlichen Gebarens von Donald Trump mehren sich die Stimmen, die sich kritisch zu US-Aktien äußern und von einer vergleichsweise robusten Entwicklung europäischer Aktien ausgehen. Bestätigt wird man in dieser Einschätzung durch die Aktienmarktentwicklungen seit Jahresbeginn, die insbesondere einen relativ starken DAX zeigen. In unserer Logbuch-Ausgabe „Aktienstrategie: Vertraue dem Markt, nicht den Prognosen“ steigen wir tiefer in das Thema ein. Lesen Sie dort gern nach.

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Über den Autor
Prof. Dr. Stefan May

Prof. Dr. Stefan May ist als Leiter Anlagestrategie und Produktentwicklung seit 2014 bei der Quirin Privatbank tätig und hat jahrzehntelange Erfahrung in der Kapitalmarktpraxis. Er ist zudem seit rund 30 Jahren Professor für Finanzmarktanalyse und Portfoliomanagement an der Technischen Hochschule Ingolstadt (mittlerweile emeritiert). Prof. May hatte maßgeblichen Anteil an der Einführung unseres auf wissenschaftlichen Erkenntnissen der Kapitalmarktforschung basierenden Anlagekonzepts. Als Vorsitzender des Anlageausschusses der Bank ist er – gemeinsam mit dem Team der Vermögensverwaltung – nach wie vor für die fortlaufende Gestaltung und Optimierung der Anlagestrategien verantwortlich.

Hören Sie passend zum Thema unseren Podcast „klug anlegen“

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